それでも、日本が好き。
Japan ist keine Postkarte. Und genau deshalb liebe ich es.
Über meine Workation in Japan, übers Japanischlernen und darüber, warum ich wahrscheinlich nie aufhören werde, Japanisch zu lernen und zu unterrichten.
「ことばが、このように、私たちの世界認識の手がかりであり、唯一の窓口であるならば、ことばの構造やしくみが違えば、認識される対象も当然ある程度変化せざるを得ない。」
— 鈴木孝夫『ことばと文化』
„Wenn Sprache der Schlüssel zu unserer Wahrnehmung der Welt und zugleich das einzige Fenster ist, durch das wir sie betrachten, dann verändert sich mit der Struktur einer Sprache zwangsläufig auch – zumindest bis zu einem gewissen Grad – die Welt, die wir wahrnehmen.“
— Takao Suzuki, Kotoba to bunka (Sprache und Kultur)
Vor Kurzem bin ich von einer längeren Workation durch Asien zurückgekommen. Dass ich online arbeite und meinen Unterricht praktisch von überall aus geben kann, ist ein Privileg, das mir auf dieser Reise wieder sehr bewusst geworden ist.

Morgens durch eine Stadt laufen, nachmittags Sprachen unterrichten – diese Kombination funkionierte für mich erstaunlich gut.

Japan war dabei nicht einfach eine Station. Es war die Station! Ich komme immer wieder gerne zurück. Nicht, weil dort alles perfekt wäre. Und auch nicht, weil ich Japan für irgendeine exotische Gegenwelt zu Europa halte. Gerade die Widersprüche interessieren mich: moderne Großstädte und erstaunlich langlebige gesellschaftliche Konventionen, völlig alltägliche Convenience Stores neben jahrhundertealten Ritualen, hochgradig standardisierte Kommunikation und gleichzeitig unzählige Möglichkeiten, durch Sprache Nähe, Distanz, Respekt oder Zugehörigkeit auszudrücken.

Diesmal begann Japan für mich nicht an einem Flughafen.

Es begann als schmaler Streifen Land am Horizont.

Ich kam mit der Fähre aus Korea. Irgendwann wurde aus diesem Streifen eine Küste, aus der Küste wurden Häuser, dann Hafenkräne, Straßen, Menschen. Nach und nach kam Japan näher. Ich mochte diese langsame Ankunft.

Vielleicht auch deshalb, weil meine Beziehung zu Japan inzwischen selbst nichts Plötzliches mehr hat. Ich habe dort gelebt, Japanologie studiert, unzählige Stunden Japanisch gelernt, Bücher gelesen, Prüfungen geschrieben, später angefangen, selbst Japanisch zu unterrichten. Und trotzdem habe ich bei jeder Reise das Gefühl, dass mir dieses Land wieder irgendeine Seite zeigt, die ich bisher übersehen habe.

Ich liebe Japan.

Das ist ein einfacher Satz für eine inzwischen ziemlich komplizierte Beziehung. Denn nein, ich halte Japan nicht für ein perfektes Land. Ich sehe gesellschaftliche Probleme, Widersprüche, einen rauer gewordenen politischen Ton gegenüber ausländischen Bewohnern und manchmal auch dieses merkwürdige Bedürfnis, Menschen möglichst schnell in „japanisch“ und „nicht japanisch“ einzuordnen.

Und trotzdem (oder vielleicht gerade deshalb) liebe ich dieses Land heute auf eine viel weniger naive Art als früher.

Ich brauche kein perfektes Japan.

Mir reicht das echte.

福岡 - Frühling, Sakura und dieses Gefühl, wieder da zu sein
Meine erste Station war Fukuoka.
In Fukuoka war Frühling.

Die Kirschbäume blühten bereits, die Menschen saßen draußen, die Parks waren voll. Nach dem Winter in Europa fühlte sich das fast ein bisschen an, als hätte jemand die Jahreszeit vorgespult.

Fukuoka ist ohnehin eine Stadt, die mich dieses Mal völlig unerwartet bekommen hat.
Nicht unbedingt wegen einer langen Liste von Sehenswürdigkeiten. Sondern weil ich mich dort einfach gerne aufgehalten habe. Die Stadt ist groß, aber nicht anstrengend. Modern, aber nicht steril. Und vor allem hatte ich dort einige ausgesprochen angenehme Begegnungen mit Menschen.

Und ich hatte dort einige Begegnungen, die mir bis heute im Kopf geblieben sind.
In einem Café im Ōhori-Park stellte ich mich einmal dort an, wo ich die Warteschlange vermutete. Eine junge Frau sprach mich auf Englisch an und erklärte mir, dass ich mich zuerst in eine Liste eintragen müsse.
Ich bedankte mich auf Englisch.
Später bekam ich meinen Tisch, bestellte auf Japanisch, unterhielt mich mit der Bedienung auf Japanisch und holte irgendwann meinen japanischen Roman heraus.
Als ich gehen wollte, kam dieselbe Frau noch einmal zu mir.
Sie entschuldigte sich auf Japanisch dafür, dass sie mich vorher auf Englisch angesprochen hatte. Sie habe nicht gewusst, dass ich Japanisch spreche.
Natürlich musste sie sich dafür überhaupt nicht entschuldigen.
Aber genau deshalb fand ich die Situation so schön.
Ein paar japanische Sätze hatten innerhalb kürzester Zeit verändert, wie wir einander wahrnahmen. Ich war nicht mehr einfach nur der typische Gaijin (Ausländer), sondern jemand, der durch die Sprache die Möglichkeit bekam, dieser Gesellschaft näherzukommen und vielleicht irgendwann sogar ein Teil von ihr zu werden.

Und genau solche kleinen Momente zeigen mir immer wieder, was Sprache verändern kann. Ohne Japanisch wäre unsere Begegnung wahrscheinlich bei ein paar freundlichen Sätzen auf Englisch geblieben. Durch die gemeinsame Sprache entstand dagegen etwas anderes: Nähe, Neugier und ein echter Austausch.
Vielleicht ist das auch der Grund, warum sich Japanischlernen für mich nie auf Grammatikregeln und Vokabellisten reduzieren lässt.
Sprache verändert Beziehungen.
札幌 - ein paar Tage später war wieder Winter
Nach Fukuoka kam Sapporo.
Und plötzlich war die Jahreszeit eine andere.

Ein paar Tage vorher hatte ich noch unter blühenden Kirschbäumen gestanden. Jetzt war es kalt, und in den Bergen lag noch Schnee.
Ich liebe solche Momente in Japan. Man vergisst leicht, wie lang dieses Land eigentlich ist, bis man innerhalb derselben Reise vom Frühling praktisch wieder zurück in den Winter fährt.


Sapporo fühlte sich für mich von Anfang an merkwürdig vertraut an.

Vielleicht lag es am Klima. Vielleicht an den breiten Straßen. Vielleicht aber auch daran, dass mich manches dort tatsächlich an meine Heimatstadt Barnaul erinnerte. In der Stadt selbst war der Schnee größtenteils schon verschwunden, aber dort, wo die Sonne nicht hinkam, lagen noch kleine weiße Reste. Und sobald ich den Blick in Richtung Berge hob, war der Winter sowieso noch da.

Und dann waren da plötzlich Birken.
Ein völlig alltäglicher Anblick – und trotzdem musste ich sofort an meine Kindheit und an Russland denken. In Japan hatte ich solche Landschaften vorher kaum gesehen. Auf Hokkaidō standen sie einfach da. Dazu entdeckte ich hin und wieder sogar Hinweise auf Russisch. Für einen Moment entstand dieses seltsame Gefühl, gleichzeitig sehr weit weg und ein kleines bisschen zuhause zu sein.
An einem der Tage fuhr ich hinauf in die Berge. Ich bin eigentlich niemand, der beim Wort Bergwanderung sofort begeistert die Wanderschuhe aus dem Schrank holt. Aber dort oben war es anders. Die Stadt wurde kleiner, es wurde stiller, die Luft kälter – und irgendwann saß ich einfach da und schaute auf die Landschaft.

Es war einer dieser seltenen Momente, in denen ich überhaupt nichts machen wollte.
Keine Sehenswürdigkeit abhaken. Kein Foto suchen. Keine Nachricht beantworten.
Einfach sitzen.

Fast eine kleine Meditation, obwohl Meditation normalerweise ebenfalls nicht unbedingt zu meinen größten Talenten gehört.
Und plötzlich wird die Idee vom „homogenen Japan“ ziemlich brüchig
Gerade auf Hokkaidō begann für mich auch das vertraute Bild von Japan als angeblich homogener Gesellschaft zu bröckeln.
Wir sprechen so selbstverständlich von der japanischen Sprache, der japanischen Kultur und den Japanern, dass leicht der Eindruck entsteht, dieses Land sei schon immer kulturell so einheitlich gewesen, wie es heute auf den ersten Blick wirkt.

Die Geschichte der Ainu erzählt etwas anderes.
Sie sind die indigene Bevölkerung Hokkaidōs und hatten ihre eigene Sprache und Kultur. Im Zuge der japanischen Besiedlung und Assimilationspolitik wurden diese jedoch massiv zurückgedrängt. Ainu-Kinder wurden auf Japanisch unterrichtet, die eigene Sprache verschwand zunehmend aus dem öffentlichen Leben, und Diskriminierung führte dazu, dass viele Familien ihre Herkunft und Sprache irgendwann gar nicht mehr weitergaben.
Heute versucht man, einiges davon wieder sichtbar zu machen. Es gibt Ainu-Sprachkurse, Museen und Projekte zur Wiederbelebung der Kultur; selbst in der Sapporoer U-Bahn findet man inzwischen wieder Ainu-Sprache im öffentlichen Raum.
Auch der berühmte Hokkaido-Jingu-Schrein bekam für mich plötzlich eine andere Bedeutung. Der Schrein geht auf das Jahr 1869 zurück: Kaiser Meiji ließ damals die sogenannten Kaitaku Sanshin – die „drei Gottheiten der Erschließung Hokkaidōs“ – verehren. Damit entstand der Schrein genau in jener Zeit, in der Hokkaidō in den modernen japanischen Staat eingegliedert und intensiv besiedelt wurde und in der zugleich die Assimilation der Ainu vorangetrieben wurde.

Heute versucht Japan, die Ainu-Kultur wieder sichtbarer zu machen: durch Museen, Sprachkurse und einzelne Ainu-Elemente im öffentlichen Raum von Sapporo. Gleichzeitig ist die Sprache stark bedroht und für die meisten Ainu längst nicht mehr Alltagssprache.

Heutzutage hört man auf Hokkaidō vor allem Japanisch. Auch das, was wir als Hokkaidō-ben bezeichnen, ist ein japanischer Dialekt und nicht etwa modernes Ainu. Die ältere Sprache der Insel liegt darunter in Ortsnamen, einzelnen Wörtern, kulturellen Begriffen und inzwischen auch wieder in den bewussten Versuchen, sie sichtbar und hörbar zu machen.
Vielleicht fasziniert mich Hokkaidō auch deshalb so sehr.
Je genauer man hinsieht, desto weniger eindeutig wird die Antwort auf die scheinbar einfache Frage:
Was ist eigentlich „japanisch“?
小樽
wo Hokkaidō ans Meer rückt
Von Sapporo aus fuhr ich eines Tages mit dem Zug nach Otaru.
Schon die Zugfahrt von Sapporo nach Otaru ist ein Erlebnis. Die Strecke führt teilweise so nah am Japanischen Meer entlang, dass es fast wirkt, als würde der Zug über dem Wasser schweben. Dazwischen ziehen kleine Häuser und ruhige Landschaften Hokkaidōs vorbei.
Und dann Otaru selbst: eine alte Hafenstadt mit Lagerhäusern, ehemaligen Banken und überraschend europäisch anmutender Architektur. Ihren besonderen Charakter verdankt die Stadt ihrer Blütezeit als Handels- und Finanzzentrum im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert.
Am Abend landete ich in einem kleinen Restaurant, das fast nur von Kerzen beleuchtet wurde. Gutes Essen, gedämpftes Licht und draußen diese alte Hafenstadt – einer dieser Abende, die einen ganz normalen Tagesausflug plötzlich besonders machen.
Drei Wochen
東京 – nicht Urlaub, sondern Alltag
Nach Hokkaidō verbrachte ich ungefähr drei Wochen in Tokio.
Und „verbrachte“ klingt fast schon zu touristisch. Ich lebte dort...Zumindest für drei Wochen...

Durch die Zeitverschiebung zu Europa begann mein Unterricht meistens erst am Nachmittag. Vormittags hatte ich Tokio für mich.
Ich ging frühstücken, lief durch Viertel, in die ich sonst vielleicht nie gekommen wäre, saß in Cafés, fotografierte Schilder, kaufte Bücher, hörte Gesprächen zu und setzte mich später an meinen Computer, um meine Schüler in Europa zu unterrichten.

Diese Workation in Japan war für mich fast ideal. Ich musste Japan nicht konsumieren. Ich hatte Zeit.

Und als Sprachlehrer ist Zeit vielleicht eines der schönsten Dinge, die man an einem Ort haben kann. Ich konnte morgens irgendwo eine Formulierung lesen, die ich interessant fand, ein Foto davon machen und wenige Stunden später im Japanisch-Onlineunterricht sagen:

„Schau mal. Genau das haben wir letzte Woche gemacht.“
Plötzlich war die Grammatik aus unserem Lehrbuch nicht mehr nur eine Grammatikübung. Da draußen benutzte tatsächlich jemand diese Konstruktion. Auf einem Schild in Fukuoka. In einer Durchsage in Sapporo. An der Wand in Tokio.
Für mich ist das wahrscheinlich auch der Kern von gutem Japanischunterricht.
Natürlich muss man lernen, wie Verben funktionieren. Natürlich braucht man Hiragana, Katakana und irgendwann eine ganze Menge Kanji. Natürlich muss jemand erklären, warum hier は steht und dort が. Aber das ist erst das Gerüst. Irgendwann muss aus all diesen Einzelteilen eine Sprache werden.

Eine Sprache, mit der man einen Roman lesen kann. Mit der man jemanden zum Lachen bringt. Mit der man merkt, dass ein Satz höflich klingt, obwohl man noch gar nicht erklären könnte, warum. Und mit der man notfalls einer Kellnerin sagen kann, dass sie wirklich keinen englischsprachigen Kollegen holen muss.

Vielleicht liebe ich das Unterrichten deshalb so sehr: Ich kann meinen Schülern nicht nur erklären, wie Japanisch funktioniert. Ich kann ihnen Stück für Stück zeigen, was sich verändert, wenn man anfängt, diese Sprache wirklich wahrzunehmen.
江ノ島
Ein Tag, den ich nicht erklären muss
Von Tokio aus fuhr ich auch nach Enoshima.
Und manches möchte ich gar nicht intellektualisieren.
Enoshima war einfach schön. Sehr schön sogar.

Es war einer dieser Tage, die man nicht unbedingt braucht, um später eine kluge Erkenntnis daraus zu formulieren. Ich war dort mit einem Menschen, der mir wichtig war, wir liefen über die Insel, hatten Zeit, schauten auf die Sagami-Bucht hinaus Richtung Pazifik und ich war einfach glücklich.

Vielleicht gehört auch das zu meiner Beziehung zu Japan.
Nicht alles daran muss Japanologie sein.

Sprache ist kein Generalschlüssel. Aber sie öffnet Türen.
Diesmal war ich nicht allein. Es war ein Date und vielleicht darf ein Sprachlehrer auch einmal einfach sagen: Es war wunderschön.

Wir liefen über die Insel, schauten aufs Meer, verbrachten dort einen sehr romantischen Tag und redeten fast die ganze Zeit Japanisch miteinander.

Wobei ich es natürlich nicht ganz lassen konnte, auch privat Sprachunterricht einzubauen. Die Person bezeichnete mich nämlich immer wieder als:
外人 (gaijin) und ich: 外国人 (Gaikokujin). Und wieder: Gaijin. Ich wieder: Gaikokujin! Halb ernst, halb als Running Gag.

Gaijin heißt Ausländer, die verkürzte Form, die je nach Kontext durchaus distanzierender und negativer wirken kann; gaikokujin ist dagegen eine angenehmere, neutralere Bezeichnung für Ausländer.

Und irgendwann dachte ich: Selbst bei einem Date auf einer romantischen Insel sitze ich da und korrigiere japanischen Wortschatz. Berufskrankheit. haha
Aber eigentlich war auch das ein schöner Moment. Wir sprachen nicht Englisch. Wir brauchten keine gemeinsame dritte Sprache. Wir begegneten uns auf Japanisch. Und das veränderte etwas. Sprache ist kein Generalschlüssel. Aber sie öffnet Türen.

Natürlich kann man einen Menschen auch auf Englisch kennenlernen.
Man kann Freundschaften schließen, sich verlieben, streiten, lachen, sich unglaublich nah sein. Ich würde niemals behaupten, dass nur die Muttersprache „echte“ Nähe ermöglicht. Aber ich glaube trotzdem, dass in der Sprache, mit der ein Mensch aufgewachsen ist, etwas Besonderes liegt.

Humor sitzt dort anders.
Erinnerungen sitzen anders.
Zärtlichkeit klingt anders.
Wut auch.

Es gibt Wörter, bei denen ein Muttersprachler nicht erst ihre Bedeutung verarbeitet, sondern sofort etwas empfindet. Wahrscheinlich kennt ihr das aus eurer eigenen Sprache. Ein einziges Wort aus der Kindheit kann plötzlich einen ganzen Raum öffnen. Ein Ausdruck der Großmutter. Ein Schimpfwort auf dem Schulhof. Eine Redewendung, die man seit zwanzig Jahren nicht mehr gehört hat. Deshalb ist Sprache für mich tatsächlich ein Schlüssel zum Menschen. Nicht der einzige. Aber ein ziemlich guter.

Und vielleicht ist das einer der Gründe, weshalb eine Fremdsprache zu lernen so viel mehr sein kann, als sich im Urlaub verständigen zu können.
沖縄 und plötzlich war Japan wieder ein anderes Land
Okinawa: Einen Monat lang etwas weiter weg
Meine letzte längere Station war Okinawa. Fast einen Monat lang war Naha mein Zuhause.
Von dort aus erkundete ich nicht nur die Stadt selbst, sondern auch andere Orte auf der Insel und lernte dabei schnell eine Besonderheit Okinawas kennen: Ohne Auto kommt man zwar zurecht, aber nicht immer besonders weit. In Naha ist der Yui Rail, die Monorail, unglaublich praktisch. Dazu gibt es Busse, die viele Orte auf der Hauptinsel miteinander verbinden. Wer aber abgelegenere Strände, Aussichtspunkte und die wirklich spektakulären Landschaften Okinawas sehen möchte, merkt schnell, dass ein Mietwagen vieles einfacher macht.
Vielleicht hat mir gerade deshalb gefallen, dass ich dort so viel Zeit hatte. Ich musste nicht alles in wenigen Tagen schaffen.

Auch dort arbeitete ich meistens erst am Nachmittag. Meine Vormittage und Wochenenden gehörten mir: Ich erkundete die Insel, saß am Meer, ging essen, las, redete mit Menschen. Und wieder hatte ich dieses Gefühl: Ich bin in Japan. Aber Japan sieht hier plötzlich anders aus. Das ist nicht nur Klima und Palmen.

Okinawa war über Jahrhunderte Teil des eigenständigen Königreichs Ryūkyū und entwickelte durch seine Verbindungen zu Japan, China, Korea und Südostasien eine eigene Kultur. Diese Geschichte ist bis heute sichtbar. Und auch sprachlich ist die Sache komplizierter als „Auf Okinawa spricht man eben Japanisch mit Dialekt“.

Die ryūkyūischen Sprachtraditionen gehören historisch zu einer eigenen Gruppe innerhalb der japonischen Sprachen. Wieder also diese Frage: Wie homogen ist Japan eigentlich? Im Norden Hokkaidō und die Ainu. Im Süden Okinawa und Ryūkyū.

Dazwischen ein Archipel, der sprachlich, historisch und kulturell wesentlich vielfältiger ist als die einfache Vorstellung von „einem Volk, einer Sprache, einer Kultur“. Vielleicht war genau das eine der wichtigsten Erkenntnisse meiner Japan-Reise. Je mehr Japan ich sehe, desto weniger eindeutig wird Japan.
Und ich mag das.

座間味島
dieses Blau vergisst man nicht
Einer meiner schönsten Ausflüge führte mich auf Zamami-jima, eine der Kerama-Inseln vor der Küste Okinawas.
Schon die Fahrt dorthin über das Ostchinesische Meer war für mich ein Erlebnis. Naha verschwindet langsam hinter einem, irgendwann sieht man fast nur noch Wasser und dann tauchen diese kleinen grünen Inseln mitten im Meer auf.
Die Kerama-Inseln liegen rund 40 Kilometer vor Okinawas Hauptinsel und sind berühmt für ihr unglaublich klares, türkisfarbenes Wasser, das sogar einen eigenen Namen bekommen hat: Kerama Blue.
Und tatsächlich: Als ich dort ankam, sah das Wasser stellenweise fast unwirklich aus. Türkis, weißer Sand, grüne Hügel und kleine Inseln am Horizont. Ich verbrachte den Tag damit, über die Insel zu laufen, immer wieder irgendwo stehenzubleiben und einfach aufs Meer zu schauen – und natürlich zu baden.
„Aber wir sprechen doch schon seit fünf Minuten Japanisch.“
Auf Okinawa hatte ich allerdings auch Situationen, in denen ich genau diese Zugehörigkeit oder Nichtzugehörigkeit zu der Gesellschaft anders spürte.

Ich wurde dort sehr häufig automatisch auf Englisch angesprochen.
Verständlich... Viele internationale Touristen, amerikanische Stützpunkte, europäisches Gesicht – also Englisch.

Einmal saß ich in einem Restaurant und wusste nicht genau, wie ich ein Gericht am Tisch fertig zubereiten sollte. Ich fragte eine Mitarbeiterin auf Japanisch. Sie erklärte es mir auf Japanisch. Ich fragte nach.

Sie erklärte weiter. Wir redeten bestimmt fünf Minuten miteinander.
Und dann sagte sie plötzlich, sie hole ihren Kollegen, der Englisch spreche.

Ich war kurz irritiert.
„Aber wir sprechen doch gerade schon seit fünf Minuten Japanisch miteinander.“ Sie schaute mich an. Entschuldigte sich. Und sprach einfach weiter Japanisch.

Solche Situationen können einem in Japan durchaus passieren. Man spricht Japanisch, und trotzdem wechselt jemand plötzlich ins Englische – einfach weil viele Japaner bei ausländischen Besuchern schlicht nicht einschätzen können, wie gut sie Japanisch sprechen und ob sie sich in der Sprache wirklich wohlfühlen.

Der Wechsel ins Englische ist dann vielleicht einfach der Versuch, einem das Leben ein bisschen leichter zu machen.

Davon sollte man sich aber nicht verunsichern lassen. Im Gegenteil: Einfach auf Japanisch weitersprechen. Manchmal braucht es tatsächlich ein wenig Zeit, bis das Gegenüber merkt: Ach so, wir können das Gespräch ja einfach auf Japanisch führen.

Und genau dann wird aus dem Japanisch, das man gelernt hat, plötzlich eine Sprache, mit der man wirklich seinen eigenen Platz im Gespräch findet.
Ich liebe Japan nicht trotz seiner Widersprüche
Ich habe auf dieser Reise wunderbare Menschen kennengelernt. Und es gab Situationen, die mich irritiert haben.
Je länger ich mich mit Japan beschäftige, desto weniger möchte ich das Land romantisieren. Japan hat Probleme. Natürlich.

Der enorme Tourismusboom verändert viele Orte. Die Debatte über ausländische Bewohner, Migration und Tourismus ist politisch spürbar schärfer geworden; 2026 wurden etwa strengere Regeln für ausländische Staatsangehörige und mögliche Begrenzungen stärker zum politischen Thema. Und auch ganz unabhängig von Politik gibt es Dinge in der japanischen Gesellschaft, die mich irritieren oder die ich kritisch sehe. Das gehört dazu.

Ich brauche nicht die Vorstellung, dass Japan perfekt ist, um Japan zu lieben. Eigentlich ist meine Beziehung zu diesem Land über die Jahre sogar schöner geworden, seit ich diese Vorstellung nicht mehr brauche.

Liebe zu einem Land, einer Sprache oder einer Kultur ist für mich etwas anderes als Bewunderung aus der Ferne.
Ich darf Dinge großartig finden und andere ablehnen. Ich darf mich irgendwo zuhause fühlen und mich fünf Minuten später wieder vollkommen fremd fühlen.
Ich darf denken: Das verstehe ich. Und direkt danach: Das werde ich wahrscheinlich nie verstehen.
Das eine löscht das andere nicht aus. Vielleicht ist meine Liebe zu Japan heute deshalb ruhiger als früher.
Aber auch tiefer.
Mein Koffer war auf dem Rückweg voller Bücher
Als ich nach Europa zurückflog, war mein Koffer viel zu schwer.
Der Grund waren natürlich Bücher.
Romane.
Sachbücher.
Sprachbücher.
Bücher, die ich gezielt gesucht hatte.
Und Bücher, die ich nur gekauft habe, weil ich in irgendeiner Buchhandlung eine Seite aufschlug und sofort wusste: Das muss mit.
Jetzt stehen sie bei mir zuhause.

Und damit geht die Reise auf eine merkwürdige Weise weiter.
Ich nehme ein Buch aus dem Regal. Ich lese. Ich stoße auf ein Wort, das ich nicht kenne. Dann auf eine ungewöhnliche Formulierung. Manchmal schreibe ich sie heraus.
Manchmal ertappe ich mich dabei, dass ich plötzlich zehn Minuten lang über einen einzigen Satz nachdenke.
Nach all den Jahren lerne ich also immer noch Japanisch. Und ich glaube nicht, dass ich damit jemals aufhören werde.
Vielleicht möchte ich Japan gerade deshalb immer wiedersehen
Früher dachte ich beim Sprachenlernen häufig in Etappen.

Ein bestimmtes Niveau erreichen. Diese Grammatik beherrschen. Den nächsten Sprachtest bestehen. Mehr Kanji kennen. Irgendwann „gut Japanisch können“.

Heute interessiert mich dieses Ende kaum noch. Es gibt kein Ende. Je mehr ich verstehe, desto genauer werden meine Fragen. Je mehr japanische Bücher ich lese, desto mehr möchte ich lesen. Je häufiger ich nach Japan komme, desto weniger habe ich das Bedürfnis zu behaupten, ich hätte das Land verstanden. Und vielleicht ist genau das meine Form von Liebe zu Japan. Keine bedingungslose Bewunderung. Keine Postkarte. Sondern eine Beziehung, die inzwischen lange genug dauert, um auch Irritationen, Kritik, Fremdheit und Widersprüche auszuhalten.

Ich werde deshalb wahrscheinlich nie aufhören, Japanisch zu lernen. Und ich möchte auch nicht aufhören, Japanisch zu unterrichten. Denn für mich ist Japanisch kein Fach, das man irgendwann abschließt. Es ist ein ganzer Raum.
Eine Sprache, Literatur, Geschichte, Humor, Höflichkeit, Streit, Nähe, Distanz, Popkultur, Politik, Erinnerung und Alltag. Eine Welt, in die ich selbst immer wieder gerne verschwinde.

Und vielleicht ist genau das das Schönste an meinem Beruf: Ich kann dir die Tür aufmachen und sagen:
Komm mit!

Von Egor Skripkin

mit viel Liebe zu Japan und zur japanischen Sprache

Made on
Tilda