Diesmal begann Japan für mich nicht an einem Flughafen.
Es begann als schmaler Streifen Land am Horizont.
Ich kam mit der Fähre aus Korea. Irgendwann wurde aus diesem Streifen eine Küste, aus der Küste wurden Häuser, dann Hafenkräne, Straßen, Menschen. Nach und nach kam Japan näher. Ich mochte diese langsame Ankunft.
Vielleicht auch deshalb, weil meine Beziehung zu Japan inzwischen selbst nichts Plötzliches mehr hat. Ich habe dort gelebt, Japanologie studiert, unzählige Stunden Japanisch gelernt, Bücher gelesen, Prüfungen geschrieben, später angefangen, selbst Japanisch zu unterrichten. Und trotzdem habe ich bei jeder Reise das Gefühl, dass mir dieses Land wieder irgendeine Seite zeigt, die ich bisher übersehen habe.
Ich liebe Japan.
Das ist ein einfacher Satz für eine inzwischen ziemlich komplizierte Beziehung. Denn nein, ich halte Japan nicht für ein perfektes Land. Ich sehe gesellschaftliche Probleme, Widersprüche, einen rauer gewordenen politischen Ton gegenüber ausländischen Bewohnern und manchmal auch dieses merkwürdige Bedürfnis, Menschen möglichst schnell in „japanisch“ und „nicht japanisch“ einzuordnen.
Und trotzdem (oder vielleicht gerade deshalb) liebe ich dieses Land heute auf eine viel weniger naive Art als früher.
Ich brauche kein perfektes Japan.
Mir reicht das echte.
| Und plötzlich wird die Idee vom „homogenen Japan“ ziemlich brüchig Gerade auf Hokkaidō begann für mich auch das vertraute Bild von Japan als angeblich homogener Gesellschaft zu bröckeln. Wir sprechen so selbstverständlich von der japanischen Sprache, der japanischen Kultur und den Japanern, dass leicht der Eindruck entsteht, dieses Land sei schon immer kulturell so einheitlich gewesen, wie es heute auf den ersten Blick wirkt. Die Geschichte der Ainu erzählt etwas anderes. Sie sind die indigene Bevölkerung Hokkaidōs und hatten ihre eigene Sprache und Kultur. Im Zuge der japanischen Besiedlung und Assimilationspolitik wurden diese jedoch massiv zurückgedrängt. Ainu-Kinder wurden auf Japanisch unterrichtet, die eigene Sprache verschwand zunehmend aus dem öffentlichen Leben, und Diskriminierung führte dazu, dass viele Familien ihre Herkunft und Sprache irgendwann gar nicht mehr weitergaben. Heute versucht man, einiges davon wieder sichtbar zu machen. Es gibt Ainu-Sprachkurse, Museen und Projekte zur Wiederbelebung der Kultur; selbst in der Sapporoer U-Bahn findet man inzwischen wieder Ainu-Sprache im öffentlichen Raum. Auch der berühmte Hokkaido-Jingu-Schrein bekam für mich plötzlich eine andere Bedeutung. Der Schrein geht auf das Jahr 1869 zurück: Kaiser Meiji ließ damals die sogenannten Kaitaku Sanshin – die „drei Gottheiten der Erschließung Hokkaidōs“ – verehren. Damit entstand der Schrein genau in jener Zeit, in der Hokkaidō in den modernen japanischen Staat eingegliedert und intensiv besiedelt wurde und in der zugleich die Assimilation der Ainu vorangetrieben wurde. Heute versucht Japan, die Ainu-Kultur wieder sichtbarer zu machen: durch Museen, Sprachkurse und einzelne Ainu-Elemente im öffentlichen Raum von Sapporo. Gleichzeitig ist die Sprache stark bedroht und für die meisten Ainu längst nicht mehr Alltagssprache. Heutzutage hört man auf Hokkaidō vor allem Japanisch. Auch das, was wir als Hokkaidō-ben bezeichnen, ist ein japanischer Dialekt und nicht etwa modernes Ainu. Die ältere Sprache der Insel liegt darunter in Ortsnamen, einzelnen Wörtern, kulturellen Begriffen und inzwischen auch wieder in den bewussten Versuchen, sie sichtbar und hörbar zu machen. Vielleicht fasziniert mich Hokkaidō auch deshalb so sehr. Je genauer man hinsieht, desto weniger eindeutig wird die Antwort auf die scheinbar einfache Frage: Was ist eigentlich „japanisch“? |
| Okinawa: Einen Monat lang etwas weiter weg Meine letzte längere Station war Okinawa. Fast einen Monat lang war Naha mein Zuhause. Von dort aus erkundete ich nicht nur die Stadt selbst, sondern auch andere Orte auf der Insel und lernte dabei schnell eine Besonderheit Okinawas kennen: Ohne Auto kommt man zwar zurecht, aber nicht immer besonders weit. In Naha ist der Yui Rail, die Monorail, unglaublich praktisch. Dazu gibt es Busse, die viele Orte auf der Hauptinsel miteinander verbinden. Wer aber abgelegenere Strände, Aussichtspunkte und die wirklich spektakulären Landschaften Okinawas sehen möchte, merkt schnell, dass ein Mietwagen vieles einfacher macht. Vielleicht hat mir gerade deshalb gefallen, dass ich dort so viel Zeit hatte. Ich musste nicht alles in wenigen Tagen schaffen. Auch dort arbeitete ich meistens erst am Nachmittag. Meine Vormittage und Wochenenden gehörten mir: Ich erkundete die Insel, saß am Meer, ging essen, las, redete mit Menschen. Und wieder hatte ich dieses Gefühl: Ich bin in Japan. Aber Japan sieht hier plötzlich anders aus. Das ist nicht nur Klima und Palmen. Okinawa war über Jahrhunderte Teil des eigenständigen Königreichs Ryūkyū und entwickelte durch seine Verbindungen zu Japan, China, Korea und Südostasien eine eigene Kultur. Diese Geschichte ist bis heute sichtbar. Und auch sprachlich ist die Sache komplizierter als „Auf Okinawa spricht man eben Japanisch mit Dialekt“. Die ryūkyūischen Sprachtraditionen gehören historisch zu einer eigenen Gruppe innerhalb der japonischen Sprachen. Wieder also diese Frage: Wie homogen ist Japan eigentlich? Im Norden Hokkaidō und die Ainu. Im Süden Okinawa und Ryūkyū. Dazwischen ein Archipel, der sprachlich, historisch und kulturell wesentlich vielfältiger ist als die einfache Vorstellung von „einem Volk, einer Sprache, einer Kultur“. Vielleicht war genau das eine der wichtigsten Erkenntnisse meiner Japan-Reise. Je mehr Japan ich sehe, desto weniger eindeutig wird Japan. Und ich mag das. |
| Ich liebe Japan nicht trotz seiner Widersprüche Ich habe auf dieser Reise wunderbare Menschen kennengelernt. Und es gab Situationen, die mich irritiert haben. Je länger ich mich mit Japan beschäftige, desto weniger möchte ich das Land romantisieren. Japan hat Probleme. Natürlich. Der enorme Tourismusboom verändert viele Orte. Die Debatte über ausländische Bewohner, Migration und Tourismus ist politisch spürbar schärfer geworden; 2026 wurden etwa strengere Regeln für ausländische Staatsangehörige und mögliche Begrenzungen stärker zum politischen Thema. Und auch ganz unabhängig von Politik gibt es Dinge in der japanischen Gesellschaft, die mich irritieren oder die ich kritisch sehe. Das gehört dazu. Ich brauche nicht die Vorstellung, dass Japan perfekt ist, um Japan zu lieben. Eigentlich ist meine Beziehung zu diesem Land über die Jahre sogar schöner geworden, seit ich diese Vorstellung nicht mehr brauche. Liebe zu einem Land, einer Sprache oder einer Kultur ist für mich etwas anderes als Bewunderung aus der Ferne. Ich darf Dinge großartig finden und andere ablehnen. Ich darf mich irgendwo zuhause fühlen und mich fünf Minuten später wieder vollkommen fremd fühlen. Ich darf denken: Das verstehe ich. Und direkt danach: Das werde ich wahrscheinlich nie verstehen. Das eine löscht das andere nicht aus. Vielleicht ist meine Liebe zu Japan heute deshalb ruhiger als früher. Aber auch tiefer. |
Von Egor Skripkin
mit viel Liebe zu Japan und zur japanischen Sprache